Fälle

Chefarzt-Fall: BAG folgt dem EuGH und erklärt Kündigung für unwirksam

Wie lange wollen die Kirchen noch gegen die Wand laufen, ehe sie das menschenrechtswidrige „Kirchliche Arbeitsrecht“ aufgeben?

Ingrid Matthäus-Maier, Sprecherin von GerDiA

Februar 2019
(siehe auch September 2011 zum gleichen Fall)

Die Kündigung eines Chefarztes einer katholischen Klinik wegen einer Wiederheirat kann eine verbotene Diskriminierung darstellen, urteilt der Europäische Gerichtshof. Das Bundesverfassungsgericht sah das anders. Nun war wieder das Bundesarbeitsgericht (BAG) gefragt.

Ingrid Matthäus-Maier, Sprecherin von GerDiA und Mitglied im Beirat des ifw zum Urteil des BAG:

„Wie lange wollen die Kirchen noch gegen die Wand laufen, ehe sie das menschenrechtswidrige „Kirchliche Arbeitsrecht“ aufgeben? Und wie lange will sich die Politik dieses Trauerspiel noch anschauen?

Obwohl die katholische Kirche schon 2010 eine Niederlage gegen die Kündigung eines Organisten wegen Ehebruchs (Schüth-Urteil) erlitten hatte, ließ ihr das keine Ruhe. Nach Urteilen zugunsten des Chefarztes bei den Arbeitsgerichten erhob sie Verfassungsklage. Das Bundesverfassungsgericht hob das Urteil auf und verwies die Sache an das Bundesarbeitsgericht zurück. Diese berüchtigte Chefarzt-Entscheidung vom 22.10.2014 zeigt besonders eindrucksvoll die Verquickung von Staat und Kirche. Liest sie sich doch seitenweise wie ein katholischer Katechismus.

Das BAG ersuchte den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg um Auslegung der europäischen Gleichbehandlungsrichtlinie. Dieser entschied, die Anerkennung des katholischen Eheverständnisses durch den Arzt sei keine wesentliche Voraussetzung für seine Tätigkeit. Also sei die Kündigung als verbotene Diskriminierung nach Art. 21 der Charta der Europäischen Union zu werten. Dem ist das BAG jetzt gefolgt.

Das Kirchliche Arbeitsrecht diskriminiert über 1,3 Millionen Menschen in den Kirchen, Caritas und Diakonie. Ob Kirchenaustritt oder Nichteinstellung Konfessionsfreier Menschen (bei der katholischen Kirche auch noch Homosexualität): keinen Millimeter gibt die Kirche freiwillig auf. Auch jetzt noch behält sie sich eine Verfassungsbeschwerde vor. Auch die evangelische Kirche beharrt auf der Kirchenmitgliedschaft bei Einstellung trotz eines anderslautenden BAG-Urteils.

Auch das Streikrecht lehnen die Kirchen trotz eines gegenteiligen Urteils des BAG ab. Es ist ein Trauerspiel, dass sich die Politik dieses Unrecht über Jahrzehnte anschaut, ohne aktiv dagegen vorzugehen. Und das, obwohl die Kirchen enorme Mitgliederverluste haben und die Konfessionsfreien schon jetzt über 37 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Und es namhafte Stimmen in den Kirchen gibt, das Kirchliche Arbeitsrecht zumindest in den verkündigungsfernen Bereichen abzuschaffen.

Die Adenauer-Regierung hat 1952 den § 118 Abs. 2 des Betriebsverfassungsgesetzes eingeführt eingeführt, wonach dieses Arbeitnehmerschutzgesetz für Kirchen nicht gilt. Dieser Absatz kann ohne weiteres vom Bundestag abgeschafft werden. Denn gemäß Abs. 1 gilt der sogenannte Tendenzschutz auch für konfessionelle Einrichtungen. Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum Kirchen anders behandelt werden als AWO, Rotes Kreuz oder der Paritätische Wohlfahrtsverband. Die Politik muss jetzt handeln.“


Ich liebe meine Arbeit, deswegen tat mir das Ultimatum unglaublich weh. Ich kann nicht nachvollziehen, dass ein Arbeitgeber bestimmen kann, ob man Mitglied in einer Kirche ist oder nicht.

Ein Mitarbeiter einer evangelischen Jugendhilfeeinrichtung, der aus der Katholischen Kirche austrat, ohne mit den Folgen des kirchlichen Arbeitsrechts zu rechnen

Februar 2019

Kirchenaustritt mit ungeahnten Folgen

Die Kölner Bildzeitung schilderte den Fall eines 33-jährigen Pädagogen, der sich selbst weiterhin als religiös bezeichnet und mit folgender Begründung aus der Kirche austrat:

„Ich habe lange überlegt auszutreten, weil ich für mich festgestellt habe, dass die Katholische Kirche als Institution nicht die eigentliche christliche Botschaft vertritt. Außerdem stört mich der Umgang der Kirche mit den zahlreichen Mißbrauchsskandalen“.
Auch das kurz vorher publizierte EUGH-Urteil, in dem die Kündigung eines Chefarztes als verbotene Diskriminierung gewertet wurde, trug zu seinem Entschluss bei. Auswirkungen auf seinen Arbeitsvertrag konnte er sich nicht vorstellen.

Was ihm nicht bewusst war: Das kirchliche Arbeitsrecht macht die Kirchenmitgliedschaft nach wie vor zur Voraussetzung eines Arbeitsverhältnisses. Das gilt sogar, wenn ein Ex-Katholik in einer evangelischen Einrichtung arbeitet. „Gemäß §33 Abs. 5 BAT-KF stellt der Austritt aus der Kirche einen Grund für eine Kündigung dar“ zitiert die Zeitung eine Sprecherin des evangelischen Vereins, der im Diakonischen Werk Rheinland organisiert ist. Mit einem Ultimatum forderte der Arbeitgeber den Pädagogen auf wieder in eine christliche Kirche einzutreten, sonst würde er den Job verlieren.

„Ich liebe meine Arbeit, deswegen tat mir das Ultimatum unglaublich weh. Ich kann nicht nachvollziehen, dass ein Arbeitgeber bestimmen kann, ob man Mitglied in einer Kirche ist oder nicht.“ Entschieden stellte er fest: „Ich werde unter diesen Umständen nicht wieder eintreten.“

GerDiA gegenüber berichtete der Betroffene, dass der Arbeitgeber in der Folge weitere mediale Aufmerksamkeit vermeiden wollte und einen Aufhebungsvertrag anstrebte. Noch dazu kam es zu einer erfreulichen Entwicklung:

„Nachdem die BILD am 25.02.2019 über den Fall berichtet hatte, hatte mich – in direkter Reaktion auf den Artikel – tags drauf ein „säkularer“, nicht-kirchlicher Träger zum Vorstellungsgespräch eingeladen (eine Geste, die mich in diesem Zusammenhang überaus erfreut hatte). Und nach diesem Vorstellungsgespräch habe ich eine pädagogische Stelle angeboten bekommen, die ich nun auch zeitnah antreten möchte. Denn der Träger wartet bereits darauf, dass ich „frei“ werde, so dass ich dort einsteigen kann. Vor diesem Hintergrund und weil mir wichtig ist, mich mit den Prinzipien und der Handlungsweise eines Trägers zu identifizieren, war auch mir eine zeitnahe Einigung mit dem bisherigen Arbeitgeber lieb. 
Dies also zum Stand der Dinge. Das interne Streitverfahren ist somit jüngst – auch formal – zum Abschluss gekommen.“
 
Aus säkularer Perspektive kann man vielleicht als Erfolg werten, dass kirchliche Träger zunehmend den öffentlichen Konflikt scheuen. Zustimmung und Verständnis für das Verhalten der kirchlichen Arbeitgeber schwinden angesichts solcher Fälle immer mehr.
 
Letzlich bliebe die Kündigung aller Wahrscheinlichkeit nach trotzdem gültig, selbst wenn dagegen mit einer Kündigungsschutzklage vorgegangen worden wäre.
Der „dritte Weg“, mit all seinen seltsamen Auswüchsen, ist gesetzlich geregelt und könnte von den kirchlichen Arbeitgebern rigide durchgesetzt werden. Lediglich der momentane Fachkräftemangel und die Befürchtung des Arbeitgebers ein schlechtes Bild in der Öffentlichkeit abzugeben, scheinen in diesem Fall dazu beigetragen zu haben, dass eine außergerichtliche Einigung erreicht werden konnte.

Weiterhin viel Erfolg in der Demokratisierung von Rechten d.h. Abschaffung von altem überholten Kirchenrecht

Gruß an den IBKA aus einem Schreiben, in dem von der Kündung einer zu den Protestanten konvertierten Erzieherin berichtet wird, die in einem katholischen Kindergarten arbeitete

November 2018
Brief an den IBKA mit Berichten zur Kündigung einer konvertierten Erzieherin

Sehr geehrter Herr Ponitka,

hiermit möchte ich Ihnen Zeitungsartikel vom 16.10; 19.10; 24.10 und 2.11 aus den Badischen Neusten Nachrichten BNN aus Baden-Baden in Kenntnis setzen.

Nach der Einstellung zur Erzieherin wurde Frau Sabrina L. fristlos gekündigt, als festgestellt wurde, dass Sie die kath. Kirche vor Jahren verlassen hat um wie ihre Familie evangelisch zu werden.

In unserer Region sind Erzieherinnen große Mangelware. Der für die Einstellung zuständige Angestellte der Nachbargemeinde Rheinmünster-Schwarzach erzählte mir erst kürzlich, dass sie ausnahmslose allen Bewerbern zusagen müssen, um Kindergärten in ihrer Gemeinde nicht schließen zu müssen.

Gerne können Sie den Fall in der MIZ [dem politischen Magazin für Konfessionslose und AtheistINNEN, Anm. der Redaktion] veröffentlichen.

Weiterhin viel Erfolg in der Demokratisierung von Rechten d.h. Abschaffung von altem überholten Kirchenrecht wie Tanzverbote, Steuerprivilegien oder dass das Arbeitsamt für alle Arbeitslosen Kirchensteuern abführt, obwohl viel Arbeitslose davon konfessionslos sind.


Mit freundlichen Grüßen

B.W.

Sinzheim



Die erklärte Loyalität, zu den Besonderheiten des kirchlichen Arbeitgebers und deren Einhaltung im beruflichen Handeln muss ausreichen.

Das erfordert bereits genügend Toleranz, Zurückhaltung und Flexibilität von mir als nichtreligiösem Menschen.

Aus „Loyalität und Religionsfreiheit“ – dem Protestschreiben gegen die geplante Loyalitätsprüfung eines diakonischen Arbeitgebers

Februar 2017
Widerstand gegen die „Loyalitätsprüfung“

Ich orientiere mich an einem humanistischen Weltbild, an Aufklärung, Fortschritt und Menschlichkeit. Angeregt durch die Beschäftigung mit Systemischen Denken, Philosophie, Kirchengeschichte, Humanismus und Evolutionstheorie trat ich aus der evangelisch-lutherischen Kirche aus.

Das führte zwangsläufig zu Diskussionen um mein Arbeitsverhältnis in der Jugendhilfe der Diakonie. Dabei sind auch gesellschaftspolitisch relevante Fragestellungen berührt. Der „dritte Weg“, gemeint ist das besondere Arbeitsrecht das die Kirchen für den Eigengebrauch entwickelt haben, ist die Grundlage der überzogenen Loyalitätspflichten, gegen die ich mich wehrte.

Diakonie und Caritas sind, nach dem Staat, der zweitgrößte Arbeitgeber Deutschlands und wahrscheinlich gibt es viele KollegInnen, die unter dem kirchlichen Arbeitsrecht leiden – oft genug ohne die Möglichkeit, sich selbst gegen Diskriminierung wehren zu können.

In meinem Fall ging es um die Loyalitätspflichten und die Frage, ob ein aus der Kirche ausgetretener Mitarbeiter sich seinem diakonischen Arbeitgeber gegenüber beruflich loyal verhalten kann – oder ob ihm gekündigt werden muss. Diese Auseinandersetzung hatte folgenden Verlauf:

  • Vor dem Austritt habe ich eine Loyalitätserklärung unterzeichnet. Darum ging ich davon aus, weiter für die Jugendhilfe arbeiten zu können.
  • Mit der vom Arbeitgeber neu beschlossenen „Loyalitätsprüfung“ und der damaligen Auslegung der „AcK-Klausel“ wurde mir klar, dass ich als nichtreligiöser Mensch in den Diensten der Diakonie diskriminert werde und von Kündigung bedroht war.
  • Mit dem Schreiben „Loyalität und Religionsfreiheit“ zeigte ich meinen Widerstand, argumentierte und dokumentierte meine Meinung. Ich informierte die regionale Presse, da ich nur einer von vielen Betroffenen bin und das Thema gesellschaftlich als hoch relevant und wenig diskutiert einschätzte.

Religionsfreiheit bedeutet:
Freiheit zur Religion
UND
Freiheit von
Religion.

  • In der Folge veröffentlichten die Zeitung den Artikel Droht nun eine evangelische Inquisition?
  • Der Vorstandsvorsitzende meines Trägers ging, trotz der unvermindert strikten Haltung der Evangelischen Kirche Deutschlands (siehe Loyalitätsrichtline der EKD), in einem konstruktiv geführtem Zweiergespräch auf meine Argumente ein.
    Letzlich stand mir der Vorstandsvorsitzende eine  loyale Haltung zu, die im praktischen Dienst gelebt werde, dass mein Schreiben eine fällige Diskussion angestoßen habe und mein Austritt aus der Kirche nun „kein dienstliches Thema“ mehr sei. Das konnte ich als, zwar informelle, aber von höchster Leitungsebene vertretene Bestätigung für meine korrekte berufliche Haltung verstehen.
    Kritik hatte er am Begriff „Inquisition“ und der öffentlichen Auseinandersetzung. Außerdem würde diese Diskussion den innerkirchlichen Dialog zum Thema eher belasten.
  • Sechs Tage danach berichtete der Redakteur mit dem Artikel Kirchenkritiker darf weiter für die Diakonie arbeiten, dass ich, entgegen der Möglichkeiten des kirchlichen Arbeitsrechtes, keine Kündigung zu erwarten habe.
  • Am 10. März wurden noch vier Leserbriefe zu den Artikeln abgedruckt. Sie zeigen aus meiner Sicht den Aufklärungsbedarf zu den Hintergründen des Themas und den hohen Grad an Emotionalität rund um religiöse Überzeugungen.
  • In der Mitarbeiterzeitung wurde, ohne meinen Fall explizit zu benennen, beschrieben, „wie der Umgang mit bewährten Mitarbeitenden sein soll, die ihre Kirchenmitgliedschaft aufgeben“. Und siehe da: Mein Arbeitgeber ermöglichte ab diesem Zeitpunkt die formale Erklärung der Loyalität, kombiniert mit einem Gespräch mit dem Dienstvorgesetzten über berufliches Verhalten und verzichten auf die vorher propagierte Loyalitätsprüfung durch einen diakonisch Beauftragten. Ich sah mich in meiner Sichtweise gestärkt.

Meine Kritik zeigte Wirkung in der Institution und hat argumentativ, stärker als vermutet, überzeugt. Die Diakonie nutzte ihre Spielräume, folgte nicht der rigideren EKD-Linie und zeigte sich mir gegenüber seitdem als relativ (im Vergleich zu anderen kirchlichen Einrichtungen) toleranter Arbeitgeber.

Ich konnte seitdem offiziell als nichtreligiöser Mensch meiner Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe nach gehen, ohne „scheinheilig“ sein zu müssen.

Das ist bemerkenswert, weil sich die Kirchen in Deutschland weitgehende Sonderrechte erarbeitet haben und, gesetzlich geregelt, weder das Betriebsverfassungsgesetz noch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz anwenden müssen.

Die unzureichende Trennung zwischen Kirche und Staat sehe ich darum weiterhin als großes, ungelöstes gesellschaftliches Problem: Die Diskriminierung besteht fort, weil die Kirchen nach wie vor ihre Richtlinien zu Loyalitätsfragen „innerkirchlich“ nach jeweiligem Ermessen gestalten können. Sie unterlaufen, mit Hilfe von Ausnahmen für Religionsgemeinschaften, ansonsten gültige rechtliche Standards der Gleichbehandlung.

Einige Monate versuchte ich mich als nichtchristlicher Mitarbeiter mit der Diakonie zu arrangieren, die mich in die Klasse der Mitarbeitenden mit „anderen Aufgaben einteilt. Ich gehöre zu den Leuten die „ausnahmsweise“ Aufgaben übernehmen, bei denen geprüft wird ob sie „überhaupt notwendig wahrzunehmen sind“, muss dabei eine „deutlich bessere Eignung“ vorweisen und von mir wird erwartet, dass ich „der Erfüllung des kirchlichen Auftrags deutlich mehr dienen [werde] wird als eine konkurrierende Person mit evangelischem Bekenntnis“ usw. usf.
Noch dazu ist in der Richtlinie zu lesen: „Ein früherer Austritt aus einer christlichen Kirche lässt erwarten, dass eine Person nicht für den Dienst bei Kirche und Diakonie geeignet ist, da sie durch bewusste Abwendugn von der Kirche in besonderer Weise deren Missbilligung zum Ausdruck gebracht hat. …“
(Zitate aus der ARR Berufliche Mitarbeit der bayerischen Diakonie)

  • Im Januar 2018 reichte ich die Kündigung ein. Mit Hinweis auf die weiterhin diskriminierenden Regelungen im kirchlichen Arbeitsrecht und mit Dank für die kollegiale und nette Zusammenarbeit der letzten 21 Jahre. Der Konflikt resultierte lediglich aus meinem Kirchenaustritt, der zwar lange nicht bemerkt wurde und auch keine Folgen für meine tatsächliche Arbeit zeigte, aber mich zu einem höchstenfalls geduldeten Arbeitnehmer zweiter Klasse machte.
    Ohne Arbeitsvertrag bei der Kirche kann ich meine Kritik offensiv und öffentlich vertreten, das führte auch zur Mitarbeit bei GerDiA.

Hansjörg Albrecht


…. wie kann die Kirche von ihren Mitarbeitern erwarten, uns Kindern Respekt, Toleranz und Liebe anzueignen, wenn sie es selbst missachtet?

Frage eines ehemalig betreuten Kindes

April 2015
Herr S. sieht sich wegen Verpartnerung gezwungen zu kündigen

Herr S. arbeitet seit 8 Jahren als Erzieher für einen katholischen Träger in einer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung. Er leitet eine Wohngruppe für traumatisierte Kinder und Jugendliche, denen er Selbstwert und das Gefühl von Sicherheit vermitteln soll. Sein Arbeitgeber duldet seine Homosexualität – Herr S. lebt mit seinem Partner und zwei Pflegekindern in einem kleinen Ort in NRW – solange diese nicht offen gelebt wird.

Herr S. soll im Jahr 2014 eine Stelle als Fachbereichsleiter übernehmen, doch als er seinem Arbeitgeber mitteilt, dass er seinen Partner heiraten will, wird ihm dieses Angebot wieder entzogen. Es gilt der Grundsatz, dass man als Homosexueller keine leitende Tätigkeit ausüben darf, und durch die Heirat würde Herr S. seine Homosexualität offen legen. Da Herr S. ein sehr kompetenter und engagierter Mitarbeiter ist, überlegt man eine Struktur in der Einrichtung zu schaffen, die es Herrn S. möglich macht seine Homosexualität offen leben und gleichzeitig leitende Aufgaben übernehmen zu können. Zur Erarbeitung einer neuen Stellenbeschreibung wird sogar eine externe Beratung hinzugezogen. Es finden mehrere Gespräche statt, die aber nur ergeben, dass man die, durch die katholischen Vorstellungen geprägten Strukturen nicht umgehen kann und den üblichen Weg gehen muss: Herr S. sollte heimlich heiraten, seinen Namen und seine Steuerklasse nicht ändern, damit der Träger keine Informationen über sein Privatleben erhalten kann. Wegen seiner Homosexualität darf er nur eine Stabsstelle übernehmen und nicht wie geplant die Stelle als Fachbereichsleiter.

Bereits einmal hat Herr S. seine Arbeit als Erzieher in einer Jugendhilfeeinrichtung mit einer kath. Trägerschaft verloren. Hier absolvierte er auch seine Ausbildung und arbeitete nach seinem Abschluss als Erzieher, um sich sein Studium der Sozialarbeit zu finanzieren. Immer öfter redet er damals offen über seine Partnerschaft. Als er durch ein Missverständnis eine Viertelstunde zu spät zur Arbeit kommt, nutzt der Einrichtungsleiter dies und kündigt Herrn S. am Telefon. Zu weiteren Gesprächen ist der Leiter nicht bereit. Auch in der Mitarbeitervertretung (MAV) vermutete man, dass Herr S. die Kündigung erhalten hat, weil er offen mit seiner Homosexualität umgegangen ist. Herr S. muss wegen der Kündigung sein Studium der Sozialen Arbeit vorerst abbrechen. Diese Erfahrungen führten dazu, dass er viele Jahre über seine Homosexualität geschwiegen hat. Bis heute werden in dieser Jugendhilfeeinrichtung Mitarbeiter_innen bezüglich der Regeln katholischen Glaubens unter Druck gesetzt: Denjenigen, die standesamtlich heiraten wird nahegelegt, möglichst bald auch kirchlich zu heiraten; diejenigen, die ein Kind bekommen, werden gefragt, wann man dieses denn taufen lassen würde.

Auch an seiner neuen Arbeitsstelle ist Herr S. gezwungen die Kinder und Jugendlichen mit denen er arbeitet, anzulügen, obwohl seine pädagogische Arbeit das Ziel hat eine intensive und auf Vertrauen basierende Beziehung aufzubauen, Ehrlichkeit also eine wichtige Rolle spielt. Wenn die Kinder nach seinem Privatleben fragen, muss er Geschichten erzählen die nicht stimmen, wenn er mit dem Partner privat in der Stadt unterwegs ist, muss er stets darauf achten, dass keine Kinder aus der Einrichtung ihn sehen. Herr S. hätte seinen Partner nur heimlich und im engsten Kreise heiraten dürfen, er hätte nie über sein Hochzeitsfest reden dürfen. Er und seine Pflegekinder hätten nie über die Verpartnerung, nicht über ihre „Papas“ reden dürfen. „Ich hätte mein ganzes Leben verleugnen, alles heimlich und versteckt machen müssen.“

Es ist schwer für Herrn S. zu akzeptieren, dass die Kirche die Grundrechte der Menschen nicht anerkennt und dass für diese „nicht alle Menschen vor Gott gleich sind“. Schließlich entscheidet er sich im Jahr 2015 zu kündigen und muss so die langjährigen intensiven Beziehungen zu Kindern und Jugendlichen abbrechen. „Nach einem langen und zum Teil schmerzhaften Prozess habe ich selber gekündigt, weil ich dieses System nicht mittragen kann. Davon abgesehen, hätte ich jederzeit mit einer Kündigung rechnen müssen.“

Eine ehemalige Schutzbefohlene drückt es so aus: „Betreut wurde ich von fünf ErzieherInnen und Sozialpädagogen, die die Rolle und die Aufgaben meiner biologischen Eltern übernommen haben und zu denen ich eine enge und vertraute Bindung entwickelt habe. In all den Jahren wurden mir auch Toleranz, Respekt, Liebe anerzogen und vorgelebt (…) Ich muss gestehen, dass ich geschockt und traurig war und bin (…) weil er mir seine Homosexualität verheimlichen musste und dass er von der katholischen Kirche nur auf seine sexuelle Orientierung reduziert wird (…) wie kann die Kirche von ihren Mitarbeitern erwarten, uns Kindern Respekt, Toleranz und Liebe anzueignen, wenn sie es selbst missachtet? Wie ist es möglich, dass wir im 21. Jahrhundert von der rasanten Entwicklung der Wissenschaft, Technologie und Weltanschauung in die Zukunft getragen werden, während die katholische Kirche durch das Unmenschliche in der Vergangenheit verharrt? (…) der Kirche wird es egal sein, dass W. acht Jahre lang mit vollem Engagement und voller Freude für die Einrichtung und die Kinder gearbeitet hat. Es wird egal sein, dass er mir und vielen Kindern das Leben erleichtert hat und das Gefühl gegeben hat, wichtig zu sein. Denn wie bereits gesagt, die katholische Kirche setzt andere Prioritäten!“


Meine Karriere im sozialen Bereich hatte aufgehört, bevor sie begonnen hat.

Erfahrung einer pädagogischen Fachkraft, die mit 18 Jahren aus der Kirche ausgetreten ist

Oktober 2012
Verweigerung der Anstellung einer „Ausgetretenen“ durch die Caritas

Frau B. war in den letzten Jahren als Tagesmutter selbständig, suchte dann aber eine feste Anstellung. Die Leiterin der Offenen Ganztagsschule (OGS) der Caritas, auf die ihre Kinder gehen, schlug vor, sie solle sich doch bei der Schule bewerben, da immer Leute für die OGS gesucht würden. Frau B. bewarb sich dann im Oktober 2012. Weil es normalerweise nicht üblich ist, in einer Bewerbung die Zugehörigkeit zu einer Konfession anzugeben und sie daher gar nicht auf die Idee kam, schrieb sie in ihrer Bewerbung nichts von ihrer Konfessionslosigkeit. Kurz darauf wurde sie von einer Dame der Caritas angerufen, die ihr eine Stelle als freie Mitarbeiterin anbot. Frau B. lehnte ab und wurde an die Betreuerin der Festangestellten weiter vermittelt. Ein Vorstellungsgespräch im März lief sehr gut, man war von den Qualitäten von Frau B. überzeugt und wollte sie gerne einstellen. Erst gegen Ende des Gesprächs kam dann die Frage nach der Konfession, die Frau B. ehrlich beantwortete. Die Damen berieten sich kurz und kamen überein, dass katholisch, evangelisch und konfessionslos in Ordnung sei, „nur keine komische Sekte“. Man würde sich nach den Osterferien melden, um mitzuteilen, wann und wo Frau B. anfangen könne zu arbeiten. Bereits eine Woche später rief ein weiterer Herr vom Caritasverband an, ob Frau B. Interesse an einer Stelle in der weiterführenden Schule hätte, sie könne dort vormittags Schüler betreuen. Frau B. freute sich sehr über dieses Angebot, doch dann kam die Frage: „Warum sind sie denn konfessionslos? Sind sie nicht getauft oder sind sie ausgetreten?“ Als Frau B. wahrheitsgemäß antwortet, dass sie mit 18 aus der Kirche ausgetreten sei, war das Gespräch sofort beendet. „Meine Karriere im sozialen Bereich hatte aufgehört, bevor sie begonnen hat.“ Jemand, der aus der Kirche ausgetreten ist, war scheinbar noch schlimmer als jemand, der ungetauft ist.

Der mit Frau B. bekannten Leiterin der OGS tat das unendlich leid. Sie wusste nicht, dass die Caritas so handelt, und dass Menschen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit, bzw. Nichtzugehörigkeit diskriminiert werden. Ein paar Tage später sprach sie Frau B. wieder an, sie habe das Einverständnis ihrer Chefin, sie als freie Mitarbeiterin einzustellen, um die Kinder in einer Back-AG zu betreuen. Auch der Chefin der OGS war nicht klar, dass auch diese Idee mit einer Frau, die aus der Kirche ausgetreten ist, bei der Caritas nicht umzusetzen ist. Und so war es ihr besonders peinlich, als das Angebot an Frau B. wieder zurückgezogen werden musste, sobald der Verwaltungsebene bekannt wurde, dass es sich um eben jene Ausgetretene handelt. „Die Chefin wollte ja nur helfen, und für die Kinder, die echt gerne backen, eine tolle AG anbieten. Aber es hilft nix, die Firma Caritas verzichtet lieber auf gute Leute und diskriminiert weiterhin Andersgläubige und Atheisten.“


gar nicht so arme Kirchenmaus bei der Arbeit

Keine Vertragsverlängerung für eine Lesbe

Verhängnisvolle Partnerschaft

August 2012
Keine Vertragsverlängerung für eine Lesbe

Der Fall einer Erzieherin aus Ulm

Die Erzieherin Tanja Junginger bekommt über eine Zeitarbeitsfirma Arbeit in einem römisch-katholischen Kindergarten. Weil sie gute Arbeit leistet, erhält sie sogar eine feste, wenn auch befristete Stelle. Als sie eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft eingeht, wird im Sommer 2012 ihr Vertrag nicht verlängert.


Die fristlose Kündigung überrascht sie, sie nimmt sie jedoch recht gelassen hin, so sei das halt bei der katholischen Kirche.

Eine Pastoralreferentin und Krankenhausseelsorgerin
outet sich als homosexuell

Juli 2012
Kündigung einer lesbischen Krankenhausseelsorgerin

Kirstin Germer arbeitet seit 12 Jahren im St.-Vinzent-Hospital in Dilsgen sehr engagiert als Pastoralreferentin und Krankenhausseelsorgerin. Da sie endlich zu ihrer Homosexualität und ihrer Lebenspartnerin stehen möchte, outet sie sich ihrem Arbeitgeber gegenüber. Die fristlose Kündigung überrascht sie, sie nimmt sie jedoch recht gelassen hin, so sei das halt bei der katholischen Kirche.



Beiden Frauen wird mitgeteilt, dass eine Bewerbung aussichtslos ist, da sie evangelisch sind.

Die Falsche Konfession

Juni 2012
Aussichtslosigkeit einer Bewerbung wegen falscher Konfession

In Ennepetal (NRW) bewerben sich zwei Frauen – in der Presse wird betont, dass es sich um zwei junge Mütter handelt – bei der katholischen Herz-Jesu-Gemeinde Milspe auf eine Stelle als Reinigungskräfte. Beiden Frauen wird mitgeteilt, dass eine Bewerbung aussichtslos ist, da sie evangelisch sind. Der Verwaltungsleiter der Propsteigemeinde Hattingen rechtfertigt die Entscheidung damit, dass laut der Grundordnung für katholische Mitarbeiter im kirchlichen Dienst nur katholische Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eingestellt werden dürften. Ausnahmen seien nur mit erhöhtem Verwaltungsaufwand möglich, Arbeitgeber müssten entscheiden dürfen, wen sie einstellen.

Diese Stillschweigeabkommen haben in den letzten Jahrzehnten eine öffentliche Diskussion über religiöse Diskriminierung am Arbeitsplatz immer wieder verhindert. Die Betroffenen sind meist gezwungen sich auf solche Abkommen einzulassen.

Abhängigkeit von Betroffenen

Juni 2012
Kündigung während der Elternzeit nicht zulässig

Der Fall einer lesbischen Kindergärtnerin aus Augsburg

Die Leiterin eines katholischen Kindergartens im Landkreis Neu-Ulm bekommt ein, aus katholischer Sicht uneheliches, Kind. Nach Geburt des Kindes reicht die 39-Jährige nicht nur die Geburtsurkunde ihres Kindes, sondern auch eine Kopie der Bescheinigung über ihre eingetragene Partnerschaft ein, die sie einen Monat vor Geburt des Kindes eingegangen ist. Diese eingetragene Partnerschaft, die offen gelebte lesbische Beziehung, verstößt gegen die Loyalitätspflicht einer Dienstnehmenden der katholischen Kirche. Da sie sich im Mutterschutz befindet, muss das Gewerbeaufsichtsamt dieser Kündigung zustimmen, was es nicht tut, da aus Sicht des Amtes kein besonderer Grund vorliegt. Die katholische Diözese Augsburg (katholische Pfarrkirchenstiftung) verklagt daraufhin den Freistaat Bayern. Das Augsburger Verwaltungsgericht weist am 19. Juni 2012 die Klage zurück. Dem Kündigungsschutz während der Elternzeit sei in diesem Fall mehr Bedeutung beizumessen als den kirchlichen Loyalitätsvorstellungen.

Am 8. Oktober 2012 wird durch die Medien bekannt, dass ein weiterer Gerichtstermin im Oktober kurzfristig abgesagt und ein Vergleich geschlossen wurde. Die Erzieherin stimmte der Beendigung ihres Arbeitsverhältnisses zu, dafür erhielt sie eine Abfindung, die ihren 14 Jahren Tätigkeit entspricht. Anfragen zum Verfahren könne man wegen eines Stillschweigeabkommens nicht beantworten, so das Bistum. Diese Stillschweigeabkommen haben in den letzten Jahrzehnten eine öffentliche Diskussion über religiöse Diskriminierung am Arbeitsplatz immer wieder verhindert. Die Betroffenen sind meist gezwungen sich auf solche Abkommen einzulassen.

Zur gleichen Zeit wird bekannt, dass der LSVD vier weitere lesbische Frauen betreut, die von der katholischen Kirche unter Druck gesetzt werden. Von Ihnen wird verlangt, dass sie ihre Lebenspartnerschaften aufgeben und ihre Kinder als Alleinerziehende groß ziehen sollen, andernfalls droht ihnen die Kündigung.


Jede Stelle, die von einer Kirche ausgeschrieben wird, sei als „kirchliche“ Arbeit zu verstehen und dürfe daher nur von Menschen ausgeübt werden, die der jeweiligen Kirche angehörten, so Superintendent Thomas Kück.

Evangelisches Putzen
Loyalitätsprüfung: Wir wollen nicht nur wissen wie du arbeitest …

April 2012
Keine Anstellung einer Sikh

Der Fall einer verhinderten Putzfrau aus Stade

Die dem Sikkhismus angehörende Jaswinder Kaur arbeitet im Rahmen eines 1-Euro-Jobs in der Küche des evangelischen Johannis-Kindergartens in Stade. Sie putzt und kocht und betreut die Kinder beim Essen. Formell „zugehörig“ ist die Frau jedoch der Volkshochschule, die als Träger der 1-Euro-Maßnahme fungiert. Als Frau Kaur sich beim gleichen Kindergarten um eine Anstellung als Reinigungskraft bewirbt, wird sie wegen ihrer Religion abgelehnt. Jede Stelle, die von einer Kirche ausgeschrieben wird, sei als „kirchliche“ Arbeit zu verstehen und dürfe daher nur von Menschen ausgeübt werden, die der jeweiligen Kirche angehörten, so Superintendent Thomas Kück in einem Artikel des Stader Tageblattes vom 7. April 2012. Kück versucht sogar, der Regelung einen progressiven Anstrich zu verleihen, indem er hervorhebt, dass diese für den Pfarrer genauso gelte wie für die Putzfrau, die Kirche sich also bewusst gegen eine Hierarchisierung wende. Tatsächlich dürfte jedoch zwischen der Tätigkeit eines Pfarrers und der einer Putzfrau, was die Frage der „Verkündigungsnähe“ angeht, ein bedeutender Unterschied liegen.


Es ist also ein guter Anfang, die Chancenungleichheit konfessionsloser Arbeitnehmer als Diskriminierung aufzudecken.

Unzureichende Trennung zwischen Staat und Kirche

Mai, 2012
Chancenungleichheit konfessionsloser Arbeitnehmer als Diskriminierung aufdecken

Frau M. schließt im Jahr 2006 ihre Sozialwesen-Studium ab und begibt sich auf Stellensuche. Das zu dieser Zeit schon geringe Stellenangebot wird für die Konfessionslose zusätzlich eingeschränkt, da die meisten der Stellen Menschen mit Kirchenzugehörigkeit vorbehalten sind. Da es Frau M. nicht möglich ist, eine Anstellung zu bekommen, geht sie ins Ausland.

Auch als sich die Lage in Deutschland gebessert hat und sie zurückkehrt ist die Stellensuche weiterhin ein Problem, da immer noch ein recht hoher Prozentsatz der für eine qualifizierte Sozialarbeiterin interessanten Stellenausschreibungen an die Zugehörigkeit zu einer Kirche gebunden sind. „Aus dem Ausland bin ich nun eine klarere Trennung von Staat und Kirche gewohnt. Es ist für mich unverständlich, dass hierzulande so viele soziale Einrichtungen noch in kirchlicher Trägerschaft sind. Sicherlich ist das so aus Traditionen erwachsen, ich finde dass dieser Umstand trotzdem in einer modernen Gesellschaft in Frage gestellt werden muss. Die Kirchen können so einen unziemlichen Einfluss auf die soziale Klientel, auf die Arbeitnehmer und letzten Endes die Gesellschaft (durch den Eindruck, dass die soziale Arbeit aus Kirchensteuern bezahlt wird) ausüben. Es ist also ein guter Anfang, die Chancenungleichheit konfessionsloser Arbeitnehmer als Diskriminierung aufzudecken.“

Auf die Forderung nach Konfessionszugehörigkeit stößt Frau M. meist bei Stellenangeboten von betreuten Wohneinrichtungen und von Kindertagesstätten. Die Begründung für dieses Anforderung, die aber auch an Nachtbereitschafts- und Reinigungspersonal gestellt wird, lautet, dass man den Klienten ein christliches Umfeld gewähren will. Kollegen von Frau M., die im Bereich betreutes Wohnen für einen kirchlichen Träger arbeiten, berichteten ihr, dass nach ihrer Erfahrung die Bewohner dem christlichen Umfeld wenig Bedeutung zumessen, es ihnen unwichtig ist ob der Betreuer, die Betreuerin Mitglied der Kirche ist oder nicht.


Warum darf eine Organisation wie die Kirche sich über dieses absolute, von allen Mitgliedern der Gesellschaft in Deutschland geschaffene und alle Mitglieder der Gesellschaft in Deutschland betreffende Gesetz hinwegsetzen?

Frage eines IT-Administrators

März 2012
Nichteinstellung eines IT-Administrators wegen fehlender Kirchenzugehörigkeit

Herr S. bewarb sich bereits vor einigen Jahren auf eine Stellenanzeige der Diakonie als IT-Administrator. Seine Unterlagen wurden ihm zurückgesandt mit der schriftlichen Begründung, er sei nicht Mitglied in einer evangelischen Kirche. Der IT-Fachmann war überrascht, nahm das aber hin.

Als Herr S. 2012 erneut auf Stellensuche ist, findet er in einer Zeitung eine Stelle, die zu 100% seinem Profil entspricht, er hätte „locker alle Anforderungen“ erfüllen können. Erst über das Internet erfährt er, dass auch diese Stelle wieder eine konfessionsgebundene ist. Herr S. will sich über ein Telefongespräch noch einmal vergewissern, ob eine Zugehörigkeit zur Kirche tatsächlich auch bei einer Stelle als IT-Administrator Voraussetzung sei. Er äußert seine Verwunderung darüber, denn eine solcher Zwang würde doch eigentlich dem Grundgesetz widersprechen. Als er noch anfügt, dass das ja so sei, als würde die Diakonie auch keine Schwarzen oder Behinderten anstellen, wird die Zuständige sehr ernst und gibt ihm die Auskunft, man sei eine diakonische, kirchliche Einrichtung und dürfe das, er könne das ja mal im Internet nachlesen.

Herr S.: „Ich war immer der Meinung, wir, also meine Eltern, haben nach dem Krieg einen Staat geschaffen mit einem Grundgesetz, das großartige Artikel enthält, insbesondere den Artikel 3 […] Warum darf eine Organisation wie die Kirche sich über dieses absolute, von allen Mitgliedern der Gesellschaft in Deutschland geschaffene und alle Mitglieder der Gesellschaft in Deutschland betreffende Gesetz hinwegsetzen?“


Die Stadt Königswinter entschließt sich aufgrund der Empörung, auch unter der Elternschaft, dem Erzbistum Köln den Trägervertrag zu kündigen.

Entschiedene Reaktion der öffentlichen Hand auf religiöse Diskriminierung

Februar 2012
Verletzung der Loyalitätspflicht durch Eingehen einer neuen Lebenspartnerschaft

Der Fall einer Kindergärtnerin aus Rauschendorf (Königswinter)

Frau Knecht (47) ist leitende Angestellte in einem katholischen Kindergarten. Nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt hat, zieht sie irgendwann bei ihrem neuen Partner ein. Da sie sich so nicht an die ihr obliegenden katholischen Loyalitätspflichten gehalten hat, die sie durch Unterzeichnung ihres Arbeitsvertrages akzeptierte, bekommt sie die Kündigung. Pfarrer Udo Maria Schiffers äußert, dass Frau Knecht eine Vorbildfunktion habe. Nicht dass sie sich von ihrem Mann getrennt habe, sei Anlass gewesen, sondern der Einzug bei ihrem neuen Partner. Dies entspricht einer zeitgemäßeren Regel, die sich die katholische Kirche ausgedacht hat, um nicht wegen altmodischer sittlicher Vorstellungen anzuecken: Eine Scheidung gilt erst dann als Scheidung und somit „Ehebruch“, wenn sich der oder die Geschiedene in der Öffentlichkeit so verhält, dass ersichtlich ist, dass eine neue Partnerschaft eingegangen wurde.

Die Möglichkeit, einen Auflösungsvertrag zu unterzeichnen und so in einer anderen katholischen Einrichtung arbeiten zu können, lehnt Frau Knecht ab. Sie reicht eine Kündigungsschutzklage ein. Die Stadt Königswinter entschließt sich aufgrund der Empörung, auch unter der Elternschaft, dem Erzbistum Köln den Trägervertrag zu kündigen. Die Trägerschaft wird vom evangelischen Christlichen Jugenddorfwerk Deutschland (CJD), übernommen. „Ehebruch“ ist in evangelischen Kirchen nicht zwangsläufig ein Kündigungsgrund, wenn auch evtl. ein Versetzungsgrund. 

 


Die evangelische Kirche entlässt Vikarin fristlos, weil sie einen Moslem heiratet.

Abrahamitische Ehe als Enlassungsgrund

Dezember 2011
Verletzung der Loyalitätspflicht durch Heirat mit einem Moslem

Der Fall einer Vikarin aus Baden-Württemberg

Die evangelische Kirche in Württemberg entlässt die Vikarin (Pfarrerin in Ausbildung) Carmen Häcker fristlos, weil sie einen Moslem heiratet. Der Sprecher der Landeskirche verkündet, dass sie in Württemberg nicht mehr Pfarrerin werden kann; das Pfarrerdienstgesetz besagt, dass der Ehegatte eines Pfarrers der evangelischen Kirche angehören muss (§ 19 Abs. 2 des Württ. Pfarrerdienstgesetzes). Durch die fristlose Kündigung kann sie ihre Ausbildung nicht beenden und so auch nicht Pfarrerin in einer der anderen evangelischen Landeskirchen werden, in denen eine Heirat mit einem Moslem möglich ist. Frau Häcker klagt nun vor dem Kirchlichen Verwaltungsgericht in Württemberg, um ihre Ausbildung beenden zu können.

Aus säkularer Perspektive ist interessant, dass sogar eine angehende Pfarrerin die Anwendung der Loyalitätsrichtlinien als ungerechtfertigten Eingriff in ihre Privatsphäre wertet. Durch den Verkündigungsauftrag und die Vorbildfunktion wäre in diesem Bereich eine starke Loyalitätsanforderung noch am ehesten verständlich. Völlig unverständlich ist, über das Postulat der Dienstgemeinschaft, diese Anforderungen ausnahmslos auf alle Beschäftigten auszudehnen.


Als er seine neue Lebensgefährtin standesamtlich heiratet, bekommt er die Kündigung, weil er gegen die „katholische Sittenlehre“ gehandelt habe

Der „Chefarzt-Fall“ beschäftigte den EUGH und das BAG

September 2011
Verletzung der Loyalitätspflicht durch Wiederheirat

Der Fall eines Chefarztes aus Düsseldorf

Ein katholischer und geschiedener Chefarzt aus Düsseldorf arbeitet für ein kirchliches Krankenhaus. Als er seine neue Lebensgefährtin standesamtlich heiratet, bekommt er die Kündigung, weil er gegen die „katholische Sittenlehre“ gehandelt habe (Az.: 2 AZR 543/10).

Er kann nur deshalb eine Aufhebung der Kündigung erreichen, weil die Kirche in zwei anderen gleichen Fällen nicht gekündigt und die Beziehung bereits seit geraumer Zeit geduldet hatte. Das Gericht bestätigt jedoch den Sonderstatus der Kirchen, indem es darauf hinweist, dass das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen vom Grundgesetz geschützt sei. Die Arbeitsgerichte müssten deshalb auf die Sichtweise der Kirche Rücksicht nehmen, welche Art der Lebensführung gegen Glaubens- und Sittengebote der Kirche verstößt.


Ehebruch, Homosexualität, die falsche Religion …

Katholische Kirche kündigt homosexueller Raumpflegerin

Moralisch gefährdete Räume?

November 2010
Verletzung der Loyalitätspflicht durch Eingehen einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft

Der Fall einer Raumpflegerin aus Oberhausen

Im November 2010 wird ein Fall bekannt, in dem die katholische Kirche einer Frau kündigt, die eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft eingegangen ist. Die Frau arbeitete nachts als Raumpflegerin in einem Kindergarten.


Da sich bei der Bespitzelung herausstellt, dass die geschiedene Frau in Lebensgemeinschaft mit einem neuen Partner lebt, konnte sie problemlos wegen der sog. Verletzung ihrer Loyalitätspflicht gekündigt werden.

Möglichkeiten des kirchlichen Arbeitsrechtes

September 2009
Verletzung der Loyalitätspflicht durch Eingehen einer neuen Lebenspartnerschaft

Der Fall einer Kirchenmusikerin aus Bayern

Die Diözese Augsburg der katholischen Kirche lässt eine ihrer Angestellten, eine Kirchenmusikerin, von einer Detektei überwachen. Die Frau ist aufgefallen, da sie sich einer Versetzung verweigerte. Da sich bei der Bespitzelung herausstellt, dass die geschiedene Frau in Lebensgemeinschaft mit einem neuen Partner lebt, konnte ihr problemlos wegen der sog. Verletzung ihrer Loyalitätspflicht gekündigt werden.


Konfessionsfrei zu sein wird auch von der zuständigen Arbeitsagentur als persönlicher Makel betrachtet:
Frau E. wird an eine spezielle Abteilung verwiesen, denn sie gilt in ihrer Gegend auf einmal als „nicht vermittelbar“, da sie keiner christlichen Kirche angehöre.

Aus dem Erfahrungsbericht einer konfessionsfreien Pädagogin in einer überwiegend katholisch geprägten Gegend

Von der Nichtvermittelbarkeit einer konfessionsfreien Sozialpädagogin

Als Frau E. erlebt, dass eines ihrer Kinder durch die religiöse Erziehung in einem staatlichen (!) Kindergarten starke Ängste entwickelt, beginnt sie sich für eine religionsfreie Erziehung ihrer Kinder einzusetzen; ein Recht, das ihr laut der im Grundgesetz verankerten Religionsfreiheit zusteht. Seitdem ist sie als Konfessionsfreie an ihrem Wohnort bekannt und wurde als solche immer wieder verbal angegriffen (sie wird in einer Rede als Atheistin diffamierend auf eine Stufe mit Hitler und Stalin gestellt und erhält anonyme Anrufe, mit der Frage „Ob sie sich denn noch wohlfühle an ihrem Ort“.)

Frau E. arbeitet in Probezeit als Sozialpädagogin bei einem privaten, nichtkirchlichen Träger in ihrer Gegend. Sie wird mit der Betreuung eines unbegleiteten minderjährigen Flüchtlings (K.) beauftragt, der in Kursen intensiv auf den Besuch eines Gymnasiums vorbereitet werden soll. Was wahrscheinlich in der Folge zum Verlust ihres Arbeitsplatzes führte: Dieses Projekt wird von einem kirchlichen Träger verantwortet.

Als Frau E. zu einer anderen fachlichen Einschätzung in Bezug auf K. gelangt, als der projektleitende kirchliche Träger, bricht der Kontakt ab. Ihr Arbeitgeber bittet die Schule und die Projekt-Verantwortliche mehrfach darum, sich zu melden um die verschiedenen Sichtweisen zu klären. Auch als Frau E. noch einmal per Mail direkt bei Schule und Träger nachfragt, warum sie nichts höre und ob alles in Ordnung sei, bekommt sie keine Antwort.

Im gleichen Zeitraum wird Frau E. während eines Betriebsessens darauf angesprochen, dass sie ja nicht in der Kirche sei, was sie denn daher so mache und ob sie „organisiert“ sei. Frau E. gibt Auskunft und wundert sich über diese Fragen, weil Religion und die Zugehörigkeit zu einer Konfession, bis zu diesem Zeitpunkt nie ein Thema in ihrer Arbeitsstelle war.

Als Frau E. ihre Vorgesetzen aufsucht, um die schwierige Kooperation mit dem Projektträger zu besprechen, wird sie unmittelbar auf ihre zu Ende gehende Probezeit angesprochen. Das überraschte sie, denn mit einer Kündigung in der Probezeit hatte sie aufgrund der positiven Resonanz gar nicht mehr gerechnet. Das Angebot eines anderen Arbeitgebers hatte sie abgelehnt, da sie sich in ihrem Team wohlfühlte und sogar eingeplant war, ihr den Aufbau einer ambulante Betreuung junger Geflüchteter als neues Arbeitsfeld zu übertragen. Das hatte sie als klare Anerkennung ihrer fachlichen Arbeit gesehen, Kritik oder Zweifel an ihrer Eignung wurden nie geäußert.

Drei Tage vor Ablauf ihrer Probezeit wird Frau E. betriebsbedingt gekündigt. Die Kündigung wird von Kolleginnen und den Vorgesetzten ihrer Einrichtung ausdrücklich bedauert. Frau E. stellt zwei Monate später fest, dass ihre Stelle in der gleichen Form wieder ausgeschrieben ist, es sich also nicht um eine betriebsbedingte Kündigung gehandelt haben kann.

Ohne offene Kommunikation über die Hintergründe lässt sich im Nachhinein nicht klar unterscheiden, ob die abweichende fachliche Einschätzung, oder die Konfessionslosigkeit von Frau E. den Ausschlag zur Kündigung in der Probezeit gaben. Da Frau E. ihren Arbeitsvertrag nicht mit der Caritas, sondern mit ihrem nichtkirchlichen Arbeitgeber geschlossen hatte, geht es bei diesem Fall nicht um das kirchliche Arbeitsrecht. Vielmehr wirft er ein Licht darau, wie die Caritas durch ihre Monopolstellung in der Region Einfluss auf den lokalen Arbeitsmarkt nehmen kann und, so ist die Vermutung, unerwünschte Personen gezielt fern hält. Über die Vergabe von Projektarbeit funktioniert das sogar über die Grenzen der kirchlichen Einrichtungen hinaus.

Staat und Gesellschaft nehmen die Dominanz der Kirchen im Sozialbereich offenbar wehrlos hin. Konfessionsfrei zu sein wird auch von der zuständigen Arbeitsagentur als persönlicher Makel betrachtet: Frau E. wird an eine spezielle Abteilung verwiesen, denn sie gilt in ihrer Gegend auf einmal als „nicht vermittelbar“, da sie keiner christlichen Kirche angehöre.